Anlegerpsychologie
Anlegerpsychologie 5.0 out of 5 based on 10 votes.
Benutzerbewertung: / 10
SchwachPerfekt 

 

Die Wissenschaft der Wirtschaftspsychologie versucht durch Betrachtung menschlicher Verhaltensmuster Rückschlüsse über die künftige Entwicklung an den Kapitalmärkten zu gewinnen. Die Wirtschaftspsychologie weicht dabei von der Grundannahme, dass sich Marktteilnehmer rational und effizient verhalten ab. Durch dieses, aus ökonomischer Sicht, suboptimale Verhalten entstehen Ineffizienzen, welche mit Hilfe der Erkenntnisse der Wirtschaftspsychologie ausgenutzt oder vermieden werden können. Ineffizienzen  werden am deutlichsten in Phasen starker Über- und Untertreibung erkennbar. Beispielhaft sei auf die exzessiven Kursentwicklungen am Neuen Markt verwiesen. Ähnliche Über- oder Untertreibungen wiederholen sich in regelmäßigen Abständen und erstecken sich mehr oder weniger auf sämtliche Gütermärkte. Aber auch in "normalen" Marktphasen bietet die Finanzmarktpsychologie eine geeignete Hilfestellung, um Fehler bei eigenen Anlageentscheidungen zu vermeiden und so die Performance des eingesetzten Kapitals signifikant zu steigern.

 

Im Folgenden wird eine Reihe von typischen Fehlern bei der Kapitalanlage genannt und erläutert. Bemerkenswert ist, dass diese Fehler bei Anlegern wiederholt auftreten, ohne dass ein Lerneffekt auftritt:

 

Psychologie

 

 

 

Ankereffekt

Der Ankereffekt besagt, dass sich Marktteilnehmer bei ihren Erwartungen über  Kursverläufe an numerischen Werten (Ankern) orientieren, ohne dass diese einen kausalen Zusammenhang zu künftigen Entwicklungen aufweisen. Z.B. orientieren sich Analysten bei Prognosen sehr häufig an historischen Durchschnittsentwicklungen und extrapolieren diese einfach in die Zukunft. Veränderungen, wie die Möglichkeit einer einsetzenden Rezession oder ein plötzlich eintretender Aufschwung, werden unter diesen Umständen natürlich nicht berücksichtigt. Daher weichen Prognosen meistens stark von den tatsächlich eintretenden Entwicklungen ab.

Ein weiteres Phänomen, das als negative Auswirkung des Ankereffektes beschrieben werden kann, ist das für Privatanleger typische Verhalten sich bei Anlageentscheidungen an den eigenen Einstandskursen  zu orientieren. In aller Regel steht dieser numerische Ankerwert in keiner Beziehung zur weiteren Entwicklung eines Wertpapieres. Dennoch ist unter Anlegern die Tendenz zu beobachten, schlechte Wertpapiere so lange zu behalten bis der "Einstandskurs" wieder erreicht ist, um dann die Position zu verkaufen. Der Nachteil dieser Verhaltensweise besteht darin, dass in der Hoffnung bald den Einstandspreis wieder zu erreichen kleine Verluste nicht rechtzeitig realisiert werden. Die negative Wirkung einer einmal getroffenen Anlageentscheidung wird durch dieses Verhalten multipliziert. Im Extremfall droht einem Anleger sogar der Totalverlust des eingesetzten Kapitals, auch wenn die Investition in anscheinend solide Standartwerte erfolgte (siehe Entwicklung von Bankaktien im Jahre 2008). Anleger sollten daher beim Kauf eines Wertpapieres den "Kaufkurs" am besten vergessen und diesen bei weiteren Anlageentscheidungen völlig unbeachtet lassen.

nach oben ↑

 

Dispositionseffekt

Der Dispositionseffekt besagt, dass Anleger tendenziell dazu neigen kleine Gewinne zu realisieren und Verluste zu vergrößern. Eine mögliche Erklärung für dieses Verhalten ist sicherlich auf die vorgehend schon negativen Auswirkungen des Ankereffektes zurückzuführen. Generell kann gesagt werden, dass bei den meisten Anlegern die Nutzenfunktion im Gewinn- und Verlustbereich unterschiedlich verläuft. Im Gewinnbereich nimmt die Nutzenfunktion eine konkave Form an, während sie im Verlustbereich konvex verläuft. Konkret bedeutet dies, dass die Mehrzahl der Anleger, auch Profis, Gewinne und Verluste psychologisch unterschiedlich wahrnehmen. Erwirtschaftet ein Anleger einen Gewinn, so stiftet der Anfangsgewinn den meisten Nutzen. Jeder weitere Zusatzertrag wird zwar noch als positiv wahrgenommen, jedoch mit einer sich immer weiter abschwächenden Tendenz. Umgekehrt verläuft es bei der Negativentwicklung eines Investments. Die ersten Verluste hinterlassen psychologisch die tiefsten Spuren. Mit der Zeit tritt jedoch ein Gewöhnungseffekt an die erlittenen Kursverluste ein und die nachfolgenden Verluste werden, mögen diese auch noch so schwer sein, nicht mehr mit der gleichen Intensität wahrgenommen. In der Praxis führt der Dispositionseffekt dazu, dass Gewinne viel zu früh und Verluste viel zu spät realisiert werden. Dieses Verhalten kann immer wieder beobachtet werden, obwohl es doch goldenen Börsenregeln, wie "Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen", widerspricht. Der Dispositionseffekt erklärt ganz gut die Gründe für das finanzielle Debakel, das viele Privatinvestoren am Neuen Markt oder mit der Telekom-Aktie erlitten haben. Die anfänglichen Verluste haben noch geschmerzt. Mit der Zeit trat jedoch der oben beschriebene Gewöhnungseffekt ein und trug mit dazu bei, dass viele Anleger einen Totalverlust erlitten. Die Gründe für dieses irrationale Verhalten sind vielschichtig. Eine Erklärung besteht darin, dass viele an eine Rückkehr der gefallenen Aktien glauben und dies auch dann noch tun, wenn sämtliche fundamentalen Daten dagegen sprechen. Schutz gegen den Dispositionseffekt bietet nur die konsequente Verlustbegrenzung durch Einhalten von Stopp-Loss-Kursen. Auch wenn die Realisierung von Verlusten schwer fällt, wird dadurch doch ein möglicher Totalverlust vermieden.

nach oben ↑

 

Overconfidence

Menschen neigen generell dazu ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen.  Erfolg wird meistens auf persönliche Eigenschaften oder das eigene Handeln zurückgeführt, während Misserfolge externen Faktoren zugeschrieben werden. Das beste Alltagsbeispiel für das Phänomen der übertriebenen Selbsteinschätzung spiegelt sich in der  Beurteilung der eigenen  Fähigkeiten vieler Autofahrer wieder. Immerhin glauben ca. 80% der Führerscheininhaber, dass sie weitaus besser fahren als der Durchschnitt aller anderen Verkehrsteilnehmer. An der Börse hat dieses Phänomen, welches im Englischen als Overconfidence bezeichnet wird, durchweg negative Auswirkungen. In Folge des Overconfidence-Effektes bleibt die Meinung anderer Marktteilnehmer unbeachtet oder wird nicht richtig gewürdigt. Der Overconfidence- Effekt bewirkt, dass Anleger eine zu optimistische Einschätzung der eigenen Interpretationsfähigkeit ökonomischer Daten entwickeln. Hervorzuheben ist, dass dieser Effekt gerade unter professionellen Anlegern weit verbreitet ist. Der erleichterte Zugang zu Informationen und der Glaube an einen Informationsvorsprung gegenüber der Mehrzahl der Marktteilnehmer mögen diesen Sacherhalt erklären. Doch auch unter Privatanlegern nimmt das Phänomen der Overconfidence mit zunehmendem Zugang zu Informationsquellen, wie z.B. dem Internet zu. Direkte Folge von Overconfidence ist das so genannte "excessive trading". Vermeintlich gut informierte Anleger kaufen und verkaufen Wertpapierpositionen viel häufiger als der Durchschnitt. Der wirtschaftliche Erfolg bleibt bei excessive trading jedoch meistens, wie verschiedene Studien zeigen, die sowohl in den USA als auch in Europa durchgeführt wurden, aus. Besonders aktive Anleger, die ihren "Informationsvorsprung" durch schnelles Handeln umsetzen wollen, erzielen i.d.R. eine geringere Rendite als die jeweilige Benchmark. Häufig werden nicht einmal die Handelskosten dieser Strategie  erwirtschaftet. Der Nutzen von excessive trading kann daher als negativ angesehen werden. Den besten Schutz gegen excessive trading bietet eine Reduktion der Informationsverwertung. Wirtschaftliche Trends sind meistens sehr langlebig und über Jahre beständig. Anleger sollten daher lieber auf große Trends und nachhaltig fundamentale Daten achten, anstatt jede Nachricht in ihrer Anlagestrategie zu berücksichtigen.

nach oben ↑

 

Bestätigungstendenz

Die Bestätigungstendenz führt dazu, dass Informationen nur selektiv wahrgenommen werden. Nachrichten, die den eigenen Überzeugungen bzw. der eigenen Positionierung widersprechen, werden ignoriert oder sogar umgedeutet. Die eigene Meinung soll bestätigt und gerechtfertigt, aber nicht in Zweifel gezogen werden. Eine einmal falsch getroffene Entscheidung wird durch dieses Verhaltensmuster beibehalten und dadurch in ihrer negativen Auswirkung verstärkt. Bemerkenswert ist die Hartnäckigkeit, mit der viele Anleger Informationen falsch verarbeiten. Unabhängig davon, ob eine Positionierung im Wertpapiermarkt positive oder negative Renditen erwirtschaftet, neigt die Mehrzahl der Marktteilnehmer dazu, Daten im eigenen Sinne umzuinterpretieren. Die Gefahr, die von der Bestätigungstendenz ausgeht, ist nicht zu unterschätzen. Anleger, die mit ihren Engagements bereits positive Renditen erwirtschaftet haben, erkennen nicht rechtzeitig eine grundlegende Veränderung fundamentaler Daten, so dass diese einen nicht unerheblichen Teil der angefallenen Gewinne wieder einbüßen oder letztendlich einen sogar negativen Ertrag erwirtschaften. Bei negativer Wertentwicklung hindert die Bestätigungstendenz Anleger daran rechtzeitig "auszusteigen". Der beste Schutz gegen die negativen Auswirkungen der Betätigungstendenz ist eine Distanz zu einer einmal getroffenen Entscheidung. Inwiefern dies gelingt, ist sicherlich immer eine Frage der Persönlichkeit des Anlegers. Wichtig ist es, keinen Zusammenhang zwischen den eigenen Fähigkeiten oder gar der eigenen Wertschätzung und einer einmal getroffenen Entscheidung am Wertpapiermarkt herzustellen.

nach oben ↑

 

Illusionäre Zusammenhänge/Kontrollillusion

Menschen neigen dazu Ereignisse miteinander zu verknüpfen, auch wenn zwischen ihnen kein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Im Wertpapiermarkt spricht man von der Korrelation zwischen verschiedenen Asset-Klassen. Historische Korrelationen zwischen verschiedenen Wertpapierklassen sind sicherlich nicht von der Hand zu weisen und sollten dem Anleger helfen Risiken zu kontrollieren. Dennoch ist hierbei Vorsicht angebracht. Risiken sind auch durch Beachtung der historischen Asset-Korrelationen  nicht vollständig kontrollierbar. Die Gefahr besteht darin, dass sich historische Korrelationen nicht weiter fortführen oder sich sogar ins Gegenteil verwandeln. Risiken sind, wenn eine Änderung  der Asset-Korrelationen stattfindet, völlig unkontrollierbar. Die Möglichkeit durch eine Kapitalallokation, die sich an den Kriterien der Asset-Korrelationen orientiert, Risiken zu kontrollieren, erweist sich dann als Trugschluss. Bestes Beispiel für das Scheitern einer solchen Strategie ist das Jahr 2008, in dem praktisch alle Anlageklassen, ungeachtet der historischen Asset-Korrelationen, dramatische Verluste erlitten haben. Die Möglichkeit Risiken zu kontrollieren, erwies sich im letzten Jahr daher als ein klassisches Beispiel einer so genannten "Kontrollillusion". Den einzigen Schutz gegen die Kontrollillusion bietet das Bewusstsein, dass  Wertpapiermärkte im Grunde nicht prognostizierbar sind und jegliche Form von Investition ein Risiko beinhaltet.

nach oben ↑

 

Über- und Unterreaktion an Finanzmärkten

Wertpapiermärkte sind durch Phasen der Über- und Unterreaktion gekennzeichnet. Anleger verarbeiten Informationen also nicht immer auf die gleiche Art und Weise. In Phasen der Unterreaktion agieren Anleger zu konservativ in Bezug auf vorhandene Fundamentaldaten oder interpretieren diese sogar negativ. Der Investitionsgrad der Mehrheit der Marktteilnehmer ist in solchen Perioden folglich zu gering. Phasen der Überreaktion implizieren eine nicht nur vereinzelte, sondern generell zu optimistische Interpretation von Marktdaten. Folglich ist der Investitionsgrad in Perioden der Übertreibung zu hoch. Anleger schützen sich hiergegen am besten dadurch, dass der Anteil des Vermögens, der für riskante Anlageformen zur Verfügung steht, individuell definiert wird. Diese Definition sollte in Abhängigkeit der eigenen Bedürfnisse und langfristigen Ziele erfolgen und keinen Bezug zu den vermeintlich positiven oder negativen Marktaussichten haben. Dieses Vorgehen bietet zwar letztendlich keinen Schutz gegen falsche Entscheidungen, hindert Anleger aber daran einen überdurchschnittlich hohen Anteil des eigenen Vermögens in Phasen der Übertreibung zu investieren.

nach oben ↑


weiter

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, 06. Februar 2011 um 21:49 Uhr
 
Banner